Ginkgo biloba

Lebewesen, die sich geweigert haben, an der Evolution teilzunehmen, fordern uns einen gewissen Respekt ab. Besonders, wenn eine Pflanze seine Verwandten und Abkömmlinge überlebt und 200 Mio. Jahre unverändert überstanden hat, zeugt das von einer einzigartigen Zähigkeit. Der Ginkgo ist ein lebendes Pflanzenfossil und wohl die älteste lebende Samenpflanze. Überlebt hat der Ginkgo in einem kleinen Gebiet in China, wobei umstritten ist, ob er natürlich dort vorkommt oder ob es Abkömmlinge von Bäumen aus Tempelgärten sind. Früh kam er nach Japan. 1712 wurde er dann vom deutschen Botaniker Engelbert Kaempfer beschrieben und in Europa bekannt gemacht. Als Angestellter der holländischen Ostindien-Kompanie traf er 1690 in Japan erstmals auf diesen Baum. Die ersten Samen gelangten vermutlich zwischen 1727 und 1734 in die Niederlande in den botanischen Garten von Leyden. Heute ist der Ginkgo wieder weltweit anzutreffen. Und er zeichnet sich als besonders resistent gegen Umweltverschmutzung aus. In Städten, wo viele Bäume Schwierigkeiten haben zu wachsen, gedeiht der Ginkgo gut. Der Ginkgo zur Familie der Ginkgoacea und ist deren einziger Vertreter. Die Holzstruktur des Ginkgos ist der von Nadelhölzern ähnlich. Mit seiner Belaubung scheint er den Laubhölzern verwandt. Aber er ist keines von beiden. Neben dem lateinischen Namen Ginkgo ist er unter den Namen Mädchenhaarbaum oder Frauenhaarbaum bekannt. Die Bezeichnung Ginkgo stammt vermutlich vom chinesischen Ginkyo ab, was Silberaprikose bedeutet. Obwohl der Ginkgo stammesgeschichtlich und systematisch zwischen den Cycasgewächsen und den Nadelhölzern steht, besitzt er das Aussehen eines Laubbaumes. In der Jugend wächst er meist schmal kegelförmig. Im Alter entwickelt er sich zu einem ausladenden urtümlich wirkenden bis 30 m hohen Baum. Der Stamm kann einen Durchmesser von bis 4 m erreichen. Der Stamm verzweigt stark, und die Äste stehen waagrecht ab oder können beim älteren Exemplar auch hängen. Wie bei der Lärche gliedert sich sein Astwerk in Lang- und Kurztriebe. Kurztriebe wachsen im Jahr nur wenige Millimeter. Blätter kommen an beiden Triebarten vor. Ein Kurztrieb kann sich im Frühjahr plötzlich zu einem Langtrieb entwickeln. Speziell im Wuchs des Ginkgos sind die so genannten Chichis. Dieser Auswuchs erscheint ab etwa einem Alter von 100 Jahren. Man muss sich Chichis ähnlich Luftwurzeln vorstellen. Ein Trieb der nicht dem Licht entgegen, sondern dem Boden entgegen wächst und wenn er diesen erreicht hat, dort Wurzeln macht. Auch das Blatt des Ginkgos verdient Aufmerksamkeit. Meist besitzt es eine zweigeteilte Form. Der lateinische Artname des Ginkgo, biloba, weist darauf hin. Biloba bedeutet zweilappig. Die Blattnerven verlaufen parallel. An einem Blatt können bis zu 4000 Nerven gezählt werden. Ausgewachsene Blätter sind ledrig und olivgrün. An den Langtrieben sitzen sie einzeln, an den Kurztrieben in Büscheln zu 3 bis 8. Im Herbst bekommt das Laub des Ginkgo eine wunderschöne gelbe Herbstfärbung, bevor es abfällt. Ein weitere Besonderheit des Ginkgos ist seine Zweihäusigkeit. Männliche und weibliche Blüten kommen auf verschiedenen Pflanzen vor. Dabei ist der weibliche Baum meist weniger geschätzt, verbreiten doch die Früchte einen unangenehmen Geruch. Sie sind mirabellenähnlich, gelb, etwa 3 cm gross, und besitzen einen steinfruchtartigen Kern. Der unangenehme Geruch stammt von den abgefallenen, am Boden liegenden Früchten, dessen Fruchtfleisch sich zersetzt. Um Früchte zu bekommen, muss ein Baum 20 - 35 Jahre alt sein. Ein Nachteil also, wenn man einen Ginkgo pflanzt, der durch Samen vermehrt wurde und man sein Geschlecht nicht erkennen kann. In China und Japan sind die gerösteten Kerne, die etwa die Form und Grösse von grossen Pistazien besitzen, ein beliebtes Genussmittel und wirken verdauungsfördernd. Möchte man dies ausprobieren, sollte man beim Einsammeln der Früchte Handschuhe tragen. Das Fruchtfleisch kann einen leichten Hautausschlag verursachen. Eine weitere Besonderheit des Ginkgos ist seine geschlechtliche Fortpflanzung. Auf deren Details einzugehen würde den Rahmen dieses Porträts sprengen. Erwähnt sei nur, dass die weiblichen Eizellen von beweglichen Spermatozoiden befruchtet werden. Dies kommt sonst nur bei Pflanzen wie Algen, Moosen und Farnen vor. Wie erwähnt, ist der Ginkgo recht anpassungsfähig. Er bevorzugt einen sonnigen Standort, verträgt aber auch Schatten. Krankheiten und Schädlinge scheint er kaum zu kennen. Ginkgos können über 1000 Jahre alt werden. Der älteste Baum soll in China stehen und ungefähr 3500 Jahre alt sein. Ein weiterer berühmter Ginkgo steht in Hiroshima, etwa 1 km von der Abwurfstelle der Atombombe. Er hat nach der Explosion wieder normal ausgeschlagen. Auf ihm steht eingraviert: „Nie wieder Hiroshima“. Er darf zu Recht als Wunder der Natur und Mahnmal für uns Menschen angesehen werden, sorgfältiger mit unserer Umwelt umzugehen. Nicht alle Lebewesen sind so unverwüstlich wie der Ginkgo.
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